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Da
die Gefahr für die Welten wuchs, suchten Odin und andere Asen Walhall, die
Halle der Gefallenen, öfter auf. Sie war mit Asgard erbaut worden und liegt in
Odins Wohnstätte Freudeheim. Die auf dem Schlachtfeld gefallenen Krieger
durchwaten den Grenzstrom, treten rasch durch das Totentor, denn die Tür schlägt
ihnen sonst auf die Fersen. Vor dem Tor wacht ein Wolf. Über ihm schwebt ein
Adler. In der goldglänzenden Halle bilden Speere das Gerüst der Sparen,
Schilde decken das Dach als Schindeln, Kettenpanzer liegen auf den Bänken. Der
Glanz der Schwerter beleuchtet die riesige Halle. Aus jedem der 540 Tore werden
einst 800 Krieger ausrücken, so unermesßlich groß ist Walhall. Nicht nur ihr
Inneres ist prächtig ausgeschmückt, vor der Halle steht ein Wald, dessen Bäume
tragen Blätter aus Gold. Odin empfängt von seinem Hochsitz aus die Gefallenen;
die werden als Einherjer in der Halle bleiben, bis er mit ihnen einst zum Kampf
gegen die Weltenfeinde ausziehen wird. Der Ase Bragi, ein Kämpfer und Gott der
Dichtkunst, reicht ihnen in Odins Namen den Willkommenstrunk. Die Menge der Männer,
die im Kampf gefallen sind, ist kaum zählbar. Aber es werden noch weit mehr nötig
sein. Und so viele Einherjer auch hinzukommen werden, das Fleisch des Ebers Sährimnir
wird reichen. Das stattliche Tier wird täglich geschlachtet, vom Koch im Kessel
gesotten und steht abends wieder auf seinen vier Beinen und grunzt. Was von
seinem Fleisch auf den Tisch Odins kommt, füttert er seinen beiden Wölfen Geri
und Freki, den Gierigen, die vor seinen Füßen sitzen und wachen. Vielleicht
genügt ihm der Wein als einzige Speise nicht, und er verschlingt manchmal
heimlich Fleisch. Vielleicht stärkt der Wein Odins verstand und Phantasie, läßt
ihn schärfer in die Zukunft sehen und treffendere Verse erfinden. Oder trübt
der Rausch seinen Sinn? Die Raben Huginn und Muninn, die er im Morgengrauen zur
Erkundung aussendet, kehren mittags zurück und flüstern Odin ins Ohr, wo
Herrscher eine neue Schlacht ersinnen oder Riesen sich zusammenrotten. Odin fürchtet,
Huginn könne einmal nicht zurückkehren, aber um Muninn sorgt er sich noch
mehr. Andere Raben dienen Odin auf den Schlahctfeldern und heißen Leichenvögel,
weil sie sich von Toten nähren. Deshalb wird Odin auch Rabengott genannt.
So unerschöpflich wie die Speise ist auch das Getränk der Einherjer. Ihre
Schmerzen und tödlichen Wunden werden mit bestem Met gelindert. Keine Unfreien
und Knechte, nur freie Krieger fahren nach Walhall, und nur im Kampf Gefallene,
keine Bett-Toten, wie sie verächtlich heißen. Mancher greiser Kämpfer läßt
sich vor seinem Tod mit dem Speer durchbohren, um der Schmach gemeinen Sterbens
zu entgehen und doch noch Odin geweiht zu sein. Manchmal verleiht Odin an
Vertraute seinen Speer Gungnir, auf dessen Spitze Runen eingeritzt sind. Auf dem
Dach von Walhall steht der Hirsch Eichdorn und knabbert an den Zweigen der Esche
Yggdrasil. Von seinen Hörnern tropft es so stark, daß Wasser bis in den
brausenden Kessel Hvergelmir hinabstürzt und daraus Flüsse entspringen wie Die
Brüllende, Die Menschenverschlingerin. Die Wasser einiger Flüsse fallen die
Menschen an. Auf dem Dach von Walhall steht auch die Himmelsziege Heidrun und
beißt Zweige von der Weltenesche. Aus Heidruns Euter rinnt täglich ein großer
Behälter voll Met; der reicht, um die Einherjer trunken und für den Kampf
bereit zu machen. Die Einherjer ziehen jeden Morgen in Rüstung und mit ihren
Waffen auf den weiten Hof hinaus, kämpfen gegeneinander und erschlagen sich.
Zur ersten großen Hauptmahlzeit reiten sie heim an ihre gedeckten Tische,
sitzen versöhnt nebeneinander, trinken und lärmen. So bereiten sie sich auf
die letzte große Schlacht vor.
In Walhall dienen Odin und den Einherjern junge schöne Mädchen und Frauen. Die
meisten waren ehemals Schildmädchen, menschliche Kriegerinnen, die Scharen
angeführt, Schiffe befehligt oder in der Reihe mitgekämpft hatten, in der
Schlacht fielen und wie die Einherjer in Walhall einzogen. Sie reichen als Walküren
Trinkhörner voll Met von Heidruns Euter, bringen Tischgerät und Fleisch vom
Eber Sährimnir. Aber Odin sendet sie auch zu Schlachten aus; dort wählen sie Männer,
die fallen oder siegen sollen. Die Walküren reiten auf ihren Pferden übers
Meer oder durch die Luft, meist in Scharen zu drei, neun oder zwölf. Wie die Männer
tragen sie Helm, Schild und Speer. Meist sind diese Frauen ungewöhnlich schön,
treten den Todgeweihten vor Augen und sprechen sie an; dann reiten sie zurück
nach Walhall, melden Odin den Vollzug seines Auftrages oder welches Schicksal
sie selbst verhängten. Die berühmtesten Walküren waren Brynhild und Sigrun.
Bryhild schenkte dem jungen König Agnar den Sieg, obwohl Odin bereits seinen
Gegner zum Sieg bestimmt hatte. Odin strafte Brynhild für diesen Eigensinn,
stach sie mit den Schlafdorn und verbannte sie in eine von einer Waberlohe
umgebenen Burg. Andere Walküren heißen Speerschleuderin, Waffenklirrende,
Hochragende, Schreierin, Schildspalterin. Auch Nornen ziehen als Walküren auf
die Schlachtfelder. Es heißt, Odin wählte nur die eine Hälfte der Gefallenen,
die andere sucht Freyja von den Schlachtfeldern für Walhall. |